Menschen und Gesellschaft #1

Als ich das erste Mal auf Bernd traf, war ich überrascht. Mit seiner fröhlichen Offenheit wollte er mir den Weg zur Monet-Ausstellung erklären, da er mich für einen Touristen hielt. Er hatte auch sofort einige Infos zur Stadt parat und erzählte  mir einiges über die im Boden eingelassenen Wegweiser.

Nachdem ich ihm erklärte, dass ich gerne für einen Onlineartikel ein Interview mit ihm führen möchte, willigte er sofort ein. Auch ein Foto war für ihn mehr als selbstverständlich. Obwohl er nichts dafür haben wollte, kaufte ich ihm eine Zeitung ab und gab ihm 5 Euro als Dankeschön. Danach suchten wir uns ein trendiges Straßencafé , wo wir uns in Ruhe unterhalten konnten. So saßen wir am Tisch und er begann zu erzählen.

Bernd ist 64 Jahre alt. Insgesamt hat er 42 Jahre als Elektriker gearbeitet, bis die Firma, bei der er zuletzt beschäftigt war, ihre Produktion ins Ausland verlagerte. Zu diesem Zeitpunkt war er 58 Jahre alt. Die nächsten zwei Jahre hatte er sich noch beworben und Leistungen einer Transfergesellschaft erhalten. Bernd hatte aber keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt. Man legte ihm nahe, die Rente zu beantragen. Dies hätte für ihn aber einen Abzug von 200 € auf die monatliche Rentenzahlung zur Folge gehabt. So entschied sich Bernd gegen die Frührente.

Durch einen Bekannten bekam er das Angebot die Zeitung “Die Straße” zu vertreiben. Der Name ist Programm, da man die Zeitung nicht am Kiosk, sondern nur bei den Straßenverkäufern auf der Straße bekommt. Der Preis beläuft sich auf 1,30 €, wo von der Verkäufer 0,60 € behalten darf.

Bernd erzählte mir, dass er am Tag ca. 6-10 Zeitungen verkauft. Dafür steht er zwar bei freier Zeiteinteilung, jedoch bei Wind und Wetter mehrere Stunden in der Fußgängerzone. Angenehm sei das nicht immer, aber so könne er sich ab und zu einen Kaffee kaufen und würde mit anderen Menschen sprechen können. Schließlich könne man nicht nur dumm dasitzen und nichts tun. Nach 42 Jahren Arbeit fühlte er sich weggeworfen, ohne Aufgaben und Perspektiven. Auch wenn er im November diesen Jahres in Rente geht, will er “Die Straße” weiter verkaufen. Dies sei besser als nur an die Wand zu starren.

Mich interessierte auch, ob er alleine sei. Bei dieser Frage leuchteten seine Augen und er richtete sich auf. Voller Stolz berichtete er mir, dass er nun seit 26 Jahren verheiratet sei. Seine Frau würde genau wie er die Zeitschrift verkaufen. Das gehöre sich auch so. Schließlich sei man verheiratet und hält zusammen, auch wenn es nicht immer gut läuft.

Meine letzte Frage an Bernd lautete, was er sich Wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. Die prompte Antwort war Gesundheit. Ich hackte nach und fragte ihn nach materiellen Wünschen. Er zuckte mit den Schultern und zupfte an seiner Jacke. Er hätte doch alles. Mehr würde er nicht brauchen.

Die letzten Worte zu diesem Artikel möchte ich Bernd im mp3 Format überlassen. Wenn ihr zufällig jemanden wie Bernd trefft, dann kauft ihm doch eine Zeitung ab. In der heutigen Zeit des sozialen Kahlschlags könntet Ihr auch schnell aus der Bahn geworfen werden.

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8 Antworten zu “Menschen und Gesellschaft #1”


    Wiw, ich bin Sprachlos. So wundervoll, so erschreckend. Ich hab grad jedes Gefühl in mir, was es so gibt und ich bin baff von so einem wunderbaren menschen!

    LG
    Timo


    Ein schöner Artikel. Bernd wirkt sehr sympathisch auf mich.
    Ich muss zugeben, dass mir beim Lesen die Tränen in die Augen stiegen.
    Ich selbst versuche so oft wie möglich auch eine solche straßenzeitung zu kaufen. Auch wenn ich nicht viel verdiene als Auszubildende und durch meine eigene Wohnung schon wieder einiges an Geld drauf geht, denk ich doch, dass es mir finanziell doch besser geht. Schön, dass er wenigstens mit sich im Reinen zu sein scheint und dass die Ehe das aushält!
    Ich bin auch grad ziemlich baff.


    wau Stefan …
    Das ist dein Beste Bericht …ich weis nicht was ich sagen soll .
    Das Bericht sowie die Bilder einfach KLASSE


    Sehr schöner Artikel, Danke! Das traurige ist ja, da geht jemand so lange Zeit arbeiten und darf dann nach Arbeitslosengeld bis zur Rente von Hartz IV leben und das meiste des Ersparten geht dann auch noch dabei drauf. Da freut man sich richtig auf das Rentnerleben.

    Wurde “Die Straße” eigentlich mal nur von Obdachlosen verkauft?


    @Frank,

    ich habe auf Deine Frage hin extra bei der Redaktion nachgefragt. Um “Die Straße” verkaufen zu können, muss der Verkäufer nicht zwingend obdachlos sein. Er muss die Bedürftigkeit nachweisen. Darunter fallen in diesem Moment u.U. auch Personen, die Leistungen zur Grundsicherung erhalten.
    Ziel ist es, dem Verkäufer die Möglichkeit zu geben aus der Isolation zu kommen und nicht Betteln gehen zu müssen.

    Der Verkauf der Zeitung läuft nach einem amerikanischen Prinzip. Der Verkäufer kauft eine bestimmte Menge an Zeitungen. Die Blätter, die er nicht verkaufen konnte wird vom Verlag zurück genommen.
    Insgesamt ist der Vertrieb für den Verlag ein Zuschussgeschäft. Der reine Erlös, nach Abzug der 0,60 € für den Verkäufer wird für den Druck und die Redaktion benötigt. Im Fall eines Überschusses geht der Rest des Geldes in weitere soziale Projekte. I.d.R. bleibt aber leider nichts mehr übrig, um weitere Projekte finanziell zu unterstützen.

    @czoczo,
    Danke Dir.

    @Jana,
    als Auszubildende mit eigener Wohnung ist das Geld bestimmt knapp. Daher finde ich es besonders schön, wenn Du trotzdem ab und zu die 1,30 € übrig hast.

    @Timo,
    Deine Gefühlswellen kann ich gut nachvollziehen. Mir ist es bei dem Treffen nicht anders ergangen. Beeindruckend fand ich die fröhliche Herzlichkeit, die mir Bernd entgegen brachte, obwohl die Situation in der er sich befindet bestimmt nicht die Allerbeste ist. Das Gespräch hat mir wieder folgendes gezeigt. Egal wie schlimm es auch kommt, nie den Humor verlieren und sich gerade machen. Nur nicht den Kopf hängen lassen und sich vergraben.


    Ich finde die Idee eines Interviews mit Bernd total klasse und der Artikel berührt mich sehr. Menschen, die etwas im Abseits stehen, kommen leider viel zu wenig zu Wort und die meisten gehen achtlos daran vorbei.

    Das erinnert mich daran, dass ich sowas ähnliches schon lange vor habe bezüglich den Straßenhunden Deutschlands, sprich Obdachlosen und ihren Hunden.

    Jedes Schicksal hat ja auch eine Geschichte im Hintergrund.

    LG Soni


    Hallo,
    ein toller Beitrag. 6€ am Tag ist echt wenig. Wie Herr Westerwelle sagte: “Leistung muss sich wieder lohnen”. Wobei ich bezweifle, dass unser Außentsunami Menschen wie Bernd damit helfen wollte.

    Wenn ich daran denke, wie oft man gedankenlos an diesen Verkäufern vorbei geht, erkennt man, wieviel man selbst tun könnte, wenn man es sehen wollte. In diesem Sinne danke für diesen Eintrag. :-)


    @Cogito,
    danke für Deinen Kommentar. Dieses, sowie andere Schicksale lassen mich immer sehr nachdenklich werden, wenn ich nicht nur die Westerwelle Sprüche, sondern auch seit neuestem die Aussagen von Hannelore Kraft höre.

    Eigentlich würde ich die Serie “Menschen und Gesellschaft” sehr gerne weiter führen. Doch es gestaltet sich etwas problematisch. Viele Privatpersonen “schämen” sich für ihr momentane Situation, obwohl sie die Armut in der sie leben nachweislich nicht verschuldet haben. Mir wird dann zwar sehr viel erzählt und gezeigt, aber ich darf es nicht öffentlich verwenden.

    Bei Organisationen geht fast gar nichts. Wenn man nicht mit einem Presseausweis winken kann, gehen die Türen ganz schnell zu. Ich bleib aber am Thema dran. Steter Tropfen höhlt den Stein.

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