Timpelton die Weihnachtsmaus

Das Jahr neigte sich dem Ende entgegen. Die weißen Flocken hüllten den angrenzenden Wald in eine Zuckerwattelandschaft. Es war die Zeit in der sich ein Duft von gebrannten Mandeln und gebackenen Keksen über die Häuser legte.
Die klirrende Kälte lieferte sich ein Duell mit dem Ofen in der guten Stube. Langsam stieg die Sonne am Firmament auf, um die Schatten der Nacht zu vertreiben.
Während der verlockende Geruch von frischen Käseecken durch die Türritze stieg, zog Timpelton die Decke aus Sackleinen über seine kleinen Mausohren. Die Mutter hatte ihn schon mehrmals zum Frühstück gerufen, und seine Geschwister hatten sich bestimmt schon die besten Käsestücke geschnappt. Doch das interessierte Timpelton nicht. Er lag lieber im Bett und hoffte darauf, dass die Weihnachtszeit schnell vorüber ging. Es war nicht so, dass er Weihnachten nicht mochte. Im Gegenteil, er liebte Weihnachten mehr als alles andere. Trotzdem war er traurig.
Im letzten Jahr hatte er etwas, oder besser gesagt jemanden, durch den kleinen Lüftungsschacht in der Küche beobachtet. Mitten in der Nacht wollte er sich noch ein Stück von dem leckeren Kuchen stibitzen, als er sonderbare Geräusche aus dem Kamin hörte. Im nächsten Augenblick erblickte Timpelton einen großen, dicken Mann, der eine lustige rote Mütze auf seinem Kopf trug. Der Mann war in einen kuscheligen, roten Mantel eingehüllt, und zerrte an einem schweren Sack, den er über den Boden schleifte. Sein Gesicht schien nur aus einem dichten weißen Bart mit lustigen Augen zu bestehen, und die schwarzen Stiefel waren auf Hochglanz geputzt, so dass man sich in ihnen spiegeln konnte.
Timpelton schaute neugierig dabei zu, dass der dicke Mann viele Leckereien und Spielzeug in die aufgehängten Socken am Küchenofen steckte. Danach verschwand er so schnell durch den Kamin, wie er gekommen war. Nur das leise läuten von unzähligen Glöckchen, sowie ein tiefes ho…ho…ho… blieben noch in der Luft hängen.
Timpelton war verzückt. So viele leckere Zuckerstangen. Für wen die wohl alle sein mögen? Er schlief über den Gedanken ein. Am nächsten Morgen weckte ihn das Geheul der Kinder, und er sah wie sie mit den Socken durch die Stube tanzten. Die Küche war angefüllt mit Freude und strahlenden Gesichtern. Dabei hörte er immer wieder einen Namen, der ihn seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Weihnachtsmann…Weihnachtsmann… sangen die Kinder wieder und wieder. Timpelton musste einfach wissen, was dahinter steckte. Wenn es für die Menschen einen dicken Mann gab, der ihnen Schleckereien schenkte, dann war es selbstverständlich, dass dieser Mann auch für die Mäuse zuständig wäre. Schließlich weiß ja jeder, dass Mäuse immer sehr brav sind, und wichtige Aufgaben für die Menschen erledigen.
So schnelle er konnte lief er auf seinen kleinen Mausebeinen zu seiner Mutter und erzählte ihr die ganze Geschichte. Er plapperte wie ein Wasserfall. Dabei unterbrach er sich nur kurz, um hastig ein Stück Brotrinde zu futtern. Denn das weiß auch jeder. Kleine Mäuse müssen kräftig essen, ganz besonders wenn sie so aufregende Abenteuer bestehen.
Nachdem er seine Mutter und seinen Geschwistern die Geschichte mindestens fünf Mal erzählt hatte, schaute ihn die Mäusemutter traurig an. Sie erklärte Timpelton, so wie es gute Mäusemütter eben machen, dass Weihnachten nur etwas für die Menschen sei. Der Weihnachtsmann käme nur zu den Menschenkindern, und hätte keine Zeit für die Mäusekinder. Schließlich wären sie so viele auf der Welt, dass nicht genug Platz im Sack des Weihnachtsmanns wäre, um auch Geschenke für die Mäuse zu bringen. In diesem Moment war Timpelton so traurig, das sein linkes Ohr einknickte. Dicke Tränen liefen über seine struppigen Barthaare und bildeten fast eine Überschwemmung auf dem Boden.
In den nächsten Wochen wurde Timpelton so krank, dass sich seine Eltern keinen Rat mehr wussten. Im Frühjahr stand es um die kleine Maus mit dem Knickohr so schlecht, dass der Vater seinen Bruder Rumpelran vom großen Feld, am Rande der Stadt, zu Rate zog.
Man beschloss Timpelton zur Genesung auf das Feld schicken. Dort gab es immer genug zu essen, und die strahlende Sonne konnte ihr übriges tun.
Und tatsächlich, nach einigen Wochen auf dem Roggenfeld verbesserte sich der Zustand von Timpelton. Er fand wieder gefallen daran, mit den anderen Mäusekindern zu spielen, und wurde mit jedem Tag kräftiger. Onkel Rumpelran führte den Erfolg mit stolz geschwellter Brust auf seine Frischluft-Sonnen-Roggendiät zurück. Die anderen Mäuse auf dem Feld machten schon einen großen Bogen um ihn, weil sie die Geschichte seiner Spezialdiät nicht mehr hören wollten.
Als sich der Herbst über die Felder legte, musste Timpelton wieder zurück in das Dorf seiner Eltern. Der Abschied fiel allen sehr schwer, aber wie jeder weiß, Mäusekinder weinen nicht beim Abschied. Schließlich müssen große Mäusekinder ihren Mann in der gefährlichen Welt stehen.
Der Rest des Jahres plätscherte vor sich hin, und Timpelton versuchte nicht mehr an den Weihnachtsmann zu denken. Wenn dieser sich nicht um Mäuse kümmerte, dann wollte er auch nichts mit diesem dicken Mann zu tun haben. Denn wie jeder weiß, auch Mäusekinder haben ihren stolz.
Alles verlief sehr gut, bis eben zu diesem Morgen. Es war der sechste Dezember. Timpelton wusste genau was dies bedeutete. In dieser Nacht wird der Weihnachtsmann wieder die Menschenkinder beschenken. Sein Mäuseohr knickte noch ein weiteres Stück ein, und eine dicke Träne kullerte über die Decke. Obwohl seine Mutter weiter nach ihm rief, blieb Timpelton im Bett. Er dämmerte vor sich hin. Zwischendurch schlief er immer wieder ein, und bemerkte nur, dass sich die Tür zu seinem Zimmer von Zeit zu Zeit öffnete und wieder schloss. Seine Mutter schaute nämlich zwischendurch nach ihm, da wie jeder weiß Mäusemütter sehr fürsorglich mit ihrem Nachwuchs sind.
Ein Brummeln weckte Timpelton in der Nacht. Das Brummeln kam nicht aus der Mäusehöhle, sondern aus seinem Magen. Er hatte keine andere Wahl, er musste etwas essen. Widerwillig machte er sich auf den Weg in die Küche. Wenn er unterwegs jemanden getroffen hätte, würde er natürlich Stein und Bein schwören, dass es nur der unbändige Hunger war, und nicht eine Spur von Neugier dahinter steckte, dass er auf den Weg zum Vorratsschrank ist.
Schnell schlüpfte er durch den kleinen Schacht an der Ecke. Sofort bemerkte er die Socken, die wie letztes Jahr in Reih und Glied am Küchenofen hingen. Gerade als er ausmachen wollte, ob die Socken schon gefüllt sind, hörte er ein leises Bollern. Schwapp…Schwupp…Krawomm… Plötzlich stand der Weihnachtsmann in der Küche. Doch was war das? Anstatt die Socken mit den erwarteten Zuckerstangen zu füllen, drehte sich der Weihnachtsmann langsam um. Im nächsten Moment schaute Timpelton in blaue, lustige Augen, die von weißen Haaren eingerahmt waren. Timpelton dachte, dass sein Mäuseherz aufhören würde zu schlagen. Starr vor Schreck verharrte er im Lüftungsschacht. Eine leise, brummige Stimme flüsterte ihm entgegen. Timpelton…hab keine Angst. Ich möchte mich bei Dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass Du das ganze Jahr wegen mir so traurig warst. Selbstverständlich bekommen Mäusekinder die brav waren auch etwas Schönes aus meinem Sack. Bei diesen Worten kramte der Weihnachtsmann in seinen Sack, und holte eine besonders große, bunte Zuckerstange hervor. Er schob sie vorsichtig in das Lüftungsrohr und zwinkerte. …und wie ja jeder weiß Timpelton, bist Du das bravste Mäusekind im ganzen Land.
Seitdem feiern auf der ganzen Welt die Mäuse Weihnachten. Der Weihnachtsmann hatte im darauf folgenden Jahr extra einen Weihnachtsmäusemann angestellt, der nun jedes Jahr mit ihm zusammen unterwegs ist.
Das Timpelton ein Held wurde ist natürlich jedem klar. Selbst als er alt und grau in seinem Lehnstuhl saß, und seinen quirligen Ururenkeln die Geschichte vom ihm und dem Weihnachtsmann erzählte, hing hinter ihm immer noch die große bunte Zuckerstange wie eine Trophäe an der Wand. Er hat sie nie angerührt. Denn wie jeder weiß, Geschenke vom Weihnachtsmann sind zu wertvoll, um sie einfach zu essen.
Mit dieser weihnachtlichen Kurzgeschichte wünsche ich Euch allen einen schönen ersten Advent.
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30. November 2009 um 03:05
Maus möchte man da sein, wenn da nicht die Katzen wären.
30. November 2009 um 10:44
Die Weihnachtsgeschichte könnte von Walt Disney sein , ich kann sie mir gut bildlich vorstellen.
Die Frischluft-Sonnen-Roggendiät hast du ja schon bestimmt hinter dir?
30. November 2009 um 12:16
@Frank,
sehe ich auch so.
@Robert & Ina,
Walt Disney bin ich nun nicht, aber ich glaube die Geschichte ist mir ganz gut gelungen. Wäre ja schön wenn Sie bei Kindern gut ankommt. Deswegen ausdrucken und dem Nachwuchs vor dem Einschlafen vorlesen.